Fachtagung Kinderschutz im SPFW 21./22. Juni 2006

Referentin: Annelie Dunand, STIBB e.V.

Vorwort

Risikofaktoren in Familien:

„Wenn du einen Feind hast, so suche ihn im Schatten deiner Hütte.“

Dieses kongolesische Sprichwort beschreibt soziale Wirklichkeit bei sexuellem Missbrauch von Kindern in Familien.

Sexueller Missbrauch findet zum überwiegenden Teil im engeren sozialen Umfeld des Kindes statt.

Doch je größer das Nahverhältnis, desto geringer ist zu Beginn die Wachsamkeit des Opfers gegenüber Gefahren, desto weniger kann sich das Kind erfolgreich entziehen.

Das macht die Familie zu einem gefährlichen Tatort für Kinder.

Zwar gibt es auch in unserer Kinderschutzpraxis den „bösen Onkel, der das Kind mit Versprechungen lockt“, er ist jedoch ein „äußerst seltenes Exemplar“ und richtig fremd ist er auch nicht mehr, da er, wenn er das Kind nicht selbst kennt, zumindest gemeinsame Freunde oder Bekannte aus dem Nahraum des Kindes hat, denen das Kind vertraut.

Fest steht in jedem Fall, dass die weit aus größere Gefahr für die Kinder aus dem Familien-, Bekannten- und Freundeskreis und wesentlich seltener vom „fremden bösen Onkel“ kommt, auf den gerade missbrauchende Eltern verweisen.

Diese Warnung lenkt ab von der heute bekannten Realität der weit aus größeren Gefährdungen von Kindern in ihren eigenen Familien, wobei auf die Fremdtäter an anderer Stelle eingegangen wird.

Bereits 1983 hat der Kriminologe Baurmann (BKA) festgestellt, dass 90,8 % der gewalttätigen und 75,7% der drohenden Täter verwandt, bzw. schon vor der Tat mit dem Opfer bekannt waren.

Ein Ergebnis, das der Kriminologe Wetzel 1997, d. h. 14 Jahre später, im Rahmen seiner Untersuchung bestätigt.
Auch hier geht das Hauptrisiko, sowohl für weibliche als für auch männliche Befragte, von bekannten Personen aus dem sozialen Umfeld aus.

Insbesondere der inzestuöse sexuelle Kindesmissbrauch ist für die Opfer in der Regel viel langwieriger, häufiger, umfassender und oft auch mit Gewalt verbunden.

Dass es auch Beteiligungen von Frauen bzw. sexuellen Missbrauch von Müttern, weiblichen Verwandten und Bekannten gibt, kommt in Deutschland erst langsam ins Bewusstsein.

„Es fällt schwer, das Klischee einer von Wohlwollen und Fürsorge geprägten Mutter-Kind-Beziehung aufzugeben, selbst wenn unsere persönlichen Erfahrungen in scharfem Gegensatz zu diesem Ideal stehen“, schreibt Michele Elliott 1995 in seinem Beitrag „Überlebende erzählen“. (In: Frauen als Täterinnen. Sexueller Missbrauch an Mädchen und Jungen.)

Der weibliche Anteil an Gewalt und sexuellen Missbrauch wird fast ausnahmslos geleugnet und totgeschwiegen.
Auch wir kennen nur wenige Einzelfälle von Betroffenen, bei denen Frauen als Missbrauchs- und Gewalttäter benannt werden. Häufiger schon werden sie als Mitwisser bzw. als Mittäter von den Kindern in die Beratung eingebracht.

Eine Jugendliche, die selbst über Jahre von ihrem Stiefvater aufs brutalste missbraucht worden war, stand unseren Bemühungen um die Mutter, sie für eine angemessene Fürsorge für ihre Tochter zu gewinnen, äußerst kritisch gegenüber. Obwohl das von uns erbetene Geburtstagsgeschenk für die Tochter, ein Büstenhalter und ein kleiner Kuchen, uns selbst irritierte, kamen wir seinerzeit nicht auf die Idee, dass auch die eigene Mutter ihr Kind aktiv missbrauchen könnte.

Erst Jahre später äußerte die inzwischen Heranwachsende bei einem Besuch in unserer Einrichtung, das die Mutter sie zunächst passiv und später aktiv missbraucht habe.
Die Mutter war es auch, die ohne Einverständnis der Tochter seinerzeit eine Anzeige bei der Polizei gemacht hatte, die wegen vieler Widersprüche eingestellt worden war.
Eine Wideraufnahme des Verfahrens lehnte die Heranwachsende ab.

Wie in diesem Fall, so auch in anderen Fällen, haben wir immer wieder erfahren müssen, dass Mütter sehr wohl beteiligt sein können, aber nicht müssen. Entscheidend für ihre Haltung ist die Art der eigenen Beziehung zu dem Mann (Abhängigkeit), die Beziehung zu dem Kind und die eigene Herkunftsgeschichte.

Wir wissen inzwischen, dass viele Missbrauchshandlungen von den Tätern so raffiniert geplant und realisiert werden, dass sie vor den Müttern verborgen bleiben können. Wenn diese sie dann doch entdecken, entweder durch Zufall oder durch die Äußerung des Kindes, kann ihre Reaktion auch wieder unterschiedlich ausfallen – wobei die Zweifel besonders für selbst von Missbrauch betroffene Mütter im Vordergrund stehen.
Hier beginnt ein Übertragungsprozess eigener Erfahrung auf das Kind, der für Außenstehende nur schwer nachvollziehbar ist.
Generell glaubt man: „Wenn man ein Leid selbst erfahren hat, ist man in der Lage, das Kind davor zu schützen.“
Das Gegenteil ist der Fall. Die eigenen Überlebensmechanismen, zu denen Schuldübernahme und Verleugnung zählen, wirken bei Nichtaufarbeitung der Traumata auch in der nächsten Generation.“
So erklärte eine Mutter einmal: „Erst als mein Partner selbst den Missbrauch an meinem Kind bestätigte, glaubte ich meiner Tochter“.

Grundsätzlich profitieren die Mütter von der positiven gesellschaftlichen Grundhaltung, die die Mütter in einer  dem Kind zugewandten und schützenden  Rolle sehen möchte. Die von ihnen ausgehenden gefährdenden und schädigenden Einflüsse werden ausgeblendet. Das Maß an Verantwortung, das die Fachkräfte von den Müttern einfordern, können diese häufig nicht tragen. „Lippenbekenntnisse“ der Mütter gegenüber den zuständigen Institutionen helfen bedrohten Kindern nicht.
Häufig ist es dagegen notwendig, dass die Mütter in dem Prozess der Verantwortungsübernahme umfassend unterstützt und begleitet werden.

Dabei sollen keineswegs die Ressourcen vieler Mütter in Abrede gestellt werden, die sich erfolgreich für den Schutz und die notwendige Fürsorge ihrer Kinder einsetzen. An ihnen und an den Wünschen der Mütter müssen wir anknüpfen, wenn wir den Kindern adäquate Hilfe anbieten wollen.

Beginn:

Auffälligkeiten und Risikofaktoren in Familien mit Missbrauchsproblemen

„Wenn du einen Feind hast, so suche ihn im Schatten deiner Hütte.“

Dieses kongolesische Sprichwort beschreibt soziale Wirklichkeit bei sexuellem Missbrauch von Kindern in Familien.

Zur Abwendung und auch zur Vorbeugung von sexuellem Missbrauch ist erforderlich, dass wir unsere eigenen Sichtweisen der Probleme zurücknehmen, damit wir die Familie in ihren vielfältigen Handlungsmustern und eigenen Bedürfnissen begreifen. Erst dieses Wissen lässt erfolgreiche Interventionen zu, die zum Schutz des Kindes notwendig sind.

Die Komplexität des Problems verlangt, dass wir uns nicht als Wissende, sondern Lernende verstehen, die bei jedem Einzelfall neu hinschauen, um die konkrete Not des individuellen Kindes und das jeweilige Bedingungsgefüge für einen möglichen sexuellen Missbrauch und Gewalt qualifiziert zu erfassen können. Es gilt, nicht vorschnell von einem auf den nächsten Fall zu schließen.

Denn eine solche Haltung birgt die Gefahr, dass weder das Kind noch seine Familie erreicht werden und sich so die Möglichkeit eines fortgesetzten Missbrauchs und seiner weiteren Ausbreitung erhöht.

In diesem Sinne bitten wir die nachfolgenden Ausführungen der Risikofaktoren in Familien und die Anmerkungen zu den Täterstrategien als eine erste Orientierung zu werten, die es in jedem neuen Fall neu zu überprüfen gilt.
Gleichzeitig möchten wir ausdrücklich darauf  hinweisen, dass das Vorliegen von möglichen Risikofaktoren in Familien nicht automatisch zu Kindesmissbrauch und Gewalt führt. So gibt es viele belastete und beeinträchtigte Eltern, die sich angemessen um ihre Kinder kümmern und sie vor Missbrauch schützen.

In der Beratungspraxis zeigen sich in jedem Einzelfall vielfältige und auch unterschiedliche Faktoren, die sexuellen Missbrauch von Kindern begünstigen oder auch fördern können.

Aus Zeitgründen werde ich mich hier nur auf einige wenige zentrale begrenzen, die uns entweder von den Familien direkt oder auch von Fachkräften benannt wurden.

Lebensumstände:

Obwohl wir im Rahmen der Jugendhilfe, in der wir tätig sind, häufiger Familien erreichen, die nur über begrenzte persönliche, soziale und finanzielle Ressourcen verfügen, gibt es nach unserer Erfahrung keine besonderen äußeren Merkmale, die betroffene von nicht betroffenen Familien bei gleicher Schichtzugehörigkeit unterscheiden. Grundsätzlich spielt die Schichtzugehörigkeit bei dieser Thematik keine Rolle.

Auch die Arbeit von Vater und Mutter ist für das Risiko von sexuellem Missbrauch allenfalls in Bezug auf die An- und Abwesenheit der Mutter von Bedeutung.

Die finanzielle Lage der Familie hat kaum Relevanz, es sei denn, der Täter kann aufgrund weiterer Bedingungsfaktoren (z.B. Mütter sind selbst Opfer) diese Form der Bedürftigkeit von Mutter und Kinder ausnutzen, um sich zunächst als Wohltäter oder Versorger mit der Familie bekannt zu machen.
Wir haben Familien beraten, in denen es bei allein stehenden Müttern die Möglichkeit gab, mit ein paar Kästen Bier, Bonbons für die Kinder und weiteren Gefälligkeiten sich das Vertrauen und damit die Nähe
zur Familie zu sichern.

Immer wieder haben wir Familien erlebt, die hohe Schuldenberge anhäuften und gleichzeitig nicht bereit waren, zum Wohle ihrer Kinder rechtzeitig Konsequenzen zu ziehen und sich um eine Veränderung ihrer Lebenslage zu bemühen.
Hier wurde zum Beispiel bei dem Essen für die Kinder gespart, und auf den Alkohol oder die Zigaretten nicht verzichtet.
Für die existenzielle Gefährdung der Familie wird der Schuldige außerhalb der Familie gesucht. Häufig stehen diese Familien offiziellen Hilfen ablehnend gegenüber, sind aber andererseits empfänglich für private „Wohltäter“, auch wenn diese sich im nach hinein für die Kinder als schädigend erweisen.

Familienstruktur:

Deutlichere Risikofaktoren finden wir in der inneren Struktur der Familie und vor allem in der Beziehungsdynamik der Familienmitglieder untereinander.

Hier gibt es wiederholt Merkmale struktureller Familienkonflikte, bei denen die Generationenschranken verschoben  werden. In diesen Familien verhalten sich die Eltern wie bedürftige Kinder, die versorgt werden wollen. Die Bedürfnisse der Kinder werden nicht gesehen. In einem Fall sprach ein Täter von seiner „Geliebten“, die ihn verzaubert und fesselt, sie war seine 5 jährige Tochter.

Die persönlichen und sexuellen Grenzen der Kinder werden massiv verletzt. “Nicht einmal in meinem Bett war ich sicher vor ihm.“

Auf die Frage, wann alles angefangen hat, antwortete ein Mädchen: „Im Prinzip schon immer, von klein auf hat er an uns rumgefummelt, sollten wir vor ihm nackt Sport machen. Er hat uns überall angefasst und meinte, man muss kieken, ob sich alles richtig entwickelt. Das macht ein Vater so….“

Hier wird deutlich, dass der Vater von Beginn an dafür sorgt, dass das Kind keine eigenen Grenzen entwickeln darf – was zur Folge hat, dass diese Kinder den Beginn der sexuellen Übergriffe nicht bewusst erleben und sich auch deshalb nicht zur Wehr setzen können.

Wenn hier überhaupt Grenzen vorhanden sind, dann ist es die Grenze gegenüber der vermeintlich feindlichen Außenwelt. Immer die anderen sind die Feinde, die Bösen oder Kranken, gegen die müssen sich die Familienmitglieder zusammenschließen. So ist es nicht verwunderlich, dass auch die Helfer der Familie als Feinde erscheinen, da sie das System ins Wanken bringen können. Es sei denn, man kann de Helfer für eigene Interessen nutzen.

Vor den Außenfeinden muss das Kind angeblich geschützt werden. Der Vater hat allen Grund, die Tochter höchstpersönlich tagtäglich zur Kita oder zur Schule zu fahren und wieder von dort abzuholen. Indem der Vater mit Personen aus Kindergarten und Schule in Kontakt geht und sich als fürsorglicher und interessierter Vater zeigt, erreicht er deren Bewunderung und nimmt dem Kind die Möglichkeit, sich diesen Personen anzuvertrauen.

Grundsätzlich herrscht in solchen Familien ein zielgerichtetes Macht-, Kontroll- und Abhängigkeitsverhältnis, das sowohl die Kinder als auch die Mutter umfasst.

Die Familie gleicht einer Festung, die ihren Bestand durch hohe Loyalitätsverpflichtung und rigide Moralsysteme durch den Vater sichert. Die Mutter übernimmt seine Interessenswahrnehmung gegenüber den Kindern und erhält darüber Bedeutung.

Auf diese Weise abgeschottet, erleben die Familienmitglieder ihre Lage häufig als nicht veränderbar.

Um die Kinder gefügig zu halten, werden sie von ihrem außerfamiliären Umfeld, d. h.  von Freunden und Verwandten, systematisch isoliert.

Der häufig einzig erlaubte Kontakt der Kinder zur Außenwelt ist der zur Schule, in die sich die Kinder flüchten. Aber auch hier werden die Kinder von dem Gedanken an das Geschehen in der Familie verfolgt. Die Hoffnung, „vielleicht habe ich heute Glück“ oder Zweifel „Wird er mich in Ruhe lassen?“ wechseln sich ab.
Wenn diese Kinder in der Schule Probleme bekommen und sich unverstanden fühlen, besteht die Gefahr, dass sie zu Schulverweigerern werden. Für die Schulprobleme machen die Eltern die Lehrer oder die Schule verantwortlich und nach gleichem Muster sieht auch das Kind als Schüler keine Eigenbeteiligung an den Schulproblemen.

Die unentwegte Beschäftigung der missbrauchten und misshandelten Kinder mit ihren Familien und die ständige Sorge um Ruhe und Frieden sind klare Anzeichen einer Familienkrise, die auf dem Rücken der Kinder aus getragen wird.
Für diese machen sie sich selbst verantwortlich.
„Wenn ich es besser gemacht hätte, müssten sich meine Eltern nicht wegen mir streiten.“ „Sicher hat meine Mutter recht, wenn sie meint, dass ich zu nichts zu gebrauchen bin.“ Hier wird die Übernahme der elterlichen Zuschreibungen bereits deutlich.

Rollenumkehr in der Familie:

Wie schon angesprochen, finden wir in Familien, in denen Kinder von Missbrauch betroffen sind, häufig einen Rollentausch zwischen Eltern und Kindern, was insbesondere die emotionalen und versorgenden Aufgaben betrifft.

In der Beratung betroffener Mädchen wurde deutlich, dass sie nicht nur die Verantwortung für das Wohlergehen der kleineren Geschwister übernommen hatten, sondern sich für das Wohl von Mutter und Vater zuständig fühlten.

Hierzu ein Auszug aus dem Brief einer Betroffenen an den Vater:
„Nachdem Du arbeitslos wurdest, sollten wir Kinder Dich unterhalten. Viele Karten- und Brettspiele haben wir gerne gemacht. Zumindest am Anfang, später haben wir es als Zwang empfunden. Wir mussten mit Dir spielen, damit es keine Langeweile für Dich gab. Ein weiteres Problem in unserer Familie war für Dich unsere Sprachlosigkeit, die häufig eine unerträgliche Spannung im Raum aufkommen ließ. Dann gab es Ärger zwischen Dir und uns. Wir haben Dich kaputt gemacht, weil wir nicht redeten. Du wurdest nervlich krank und bist wegen jeder Kleinigkeit ausgerastet, hast herumgeschrieen und dann hatten wir erst recht Angst und haben geschwiegen. … Du hast Dich hinter uns versteckt und gleichzeitig uns verpflichtet, dass wir nur für Dich da sind. Wir sollten uns ganz nach Dir ausrichten, obwohl wir noch Kinder waren und auch solche bleiben wollten.“

Trotz der Bemühung der Kinder, für das Wohlergehen der Familie zu sorgen, bleibt  ihnen die gewünschte Anerkennung und Liebe von ihren Eltern versagt.
Im Gegenteil, die Eltern scheinen maßlos in ihren eigenen Wünschen nach Versorgung, Zärtlichkeit, Liebe und Geborgenheit.

Familiendynamik:

Die Familiendynamik in Missbrauchsfamilien kann sich unterschiedlich gestalten. Sie beinhaltet immer ein Klima der bereits beschriebenen Kontrolle und Abhängigkeit, das Gefühle von Bedrohung, Angst, Ohnmacht, Wut, Unsicherheit und Resignation je nach Situation hervorruft.

Häufig berichten die Mütter, dass es vor dem sexuellen Missbrauch erhebliche Streitigkeiten bis hin zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen den Eheleuten gab und der Vater auch die Kinder geschlagen habe. Ihre eigenen Beteiligungen, zu denen auch die Misshandlung ihrer Kinder gehören kann, bleiben über lange Zeit im Dunkeln.

„Fast jeden Morgen sind wir aufgewacht, weil meine Eltern sich geprügelt haben, d. h. mein Vater mehr als meine Mutter. Sie kam dann weinend an unsere Bettchen und streichelte uns. Daran kann ich mich noch genau erinnern, obwohl ich noch sehr jung war.“

Kinder aus Familien mit Gewaltproblemen sorgen sich um die Mutter, wenn auch diese gedemütigt und misshandelt wird. Die Sorge um die Mutter überdeckt aber auch die Ambivalenz von Liebe zur Mutter und Wut und Enttäuschung, dass sie sie nicht geschützt hat. „Sie hat so getan, als hätte sie nichts mitbekommen…“

Später wurden wir Kinder „immer mehr verprügelt, wegen jeder Kleinigkeit, wirklich wegen jeder Kleinigkeit. Was wir früher freiwillig taten, wurde nun zur Pflicht, sonst würde es Prügel bedeuten.“

Wegen ihrer gefühlsmäßigen und sozialen Abhängigkeit sind die Kinder den Haltungen und Forderungen ihrer Eltern schrankenlos ausgeliefert. Sie brauchen ihre Eltern, denn wer sonst sollte sich um sie kümmern, für sie Sorge tragen.
Wenn ihre Eltern sich negativ verhalten, wagen sie nicht, ihnen böse Absichten zu unterstellen, sondern suchen die Ursache bei sich selbst. Das Kind schämt sich für sich selbst und opfert sich häufig über lange Zeit, für die Familie.

Um zu überleben, passen sich die Kinder den Handlungs- und Erklärungsmustern der Eltern an und übernehmen auf diese Weise auch ihre manipulativen Zuschreibungen und Schuldzuweisungen ins eigene Erleben.

Die Verpflichtung der Eltern zum Stillhalten und Geheimnis bewahren wird zur Selbstverpflichtung des Kindes.

Bedrohung, Gewalt, Misshandlung und Vernachlässigung sind zentrale Risikofaktoren, die einen sexuellen Missbrauch begünstigen können.

Alleine reichen diese Bedingungsfaktoren nicht aus, um das Problem zu erklären.

Bedeutung der Herkunftsfamilie:

Ein weiterer wesentlicher Faktor sind vielmehr die tiefer liegenden Probleme, die diese Eltern aus ihren Herkunftsfamilien mitbringen.

Der Mangel an Empathie, massive Zurückweisungen und dramatische Trennungen sorgten in der Kindheit dieser Eltern für frühe emotionale Bindungs- und Beziehungsstörungen und erhebliche Trennungsängste.

In mehrgenerativen Beratungen wurde deutlich, dass Erwachsene, die Kinder missbrauchen, den Missbrauch Zulassen oder nicht wahrnehmen, zu einem hohen Prozentsatz selbst als Kinder vernachlässigt, gedemütigt, misshandelt und missbraucht wurden. (Ein Umkehrschluss ist nicht zulässig.)
Als Überlebensstrategie blieb ihnen oft nur die Verleugnung oder Verdrängung. Als Kinder mussten die heutigen Eltern erleben, dass der Missbrauch weitergeführt wurde.

Was diese Erwachsenen aus ihren traumatischen Erlebnissen gelernt haben, sind neben der Gewalt als Konfliktlösungsstrategie auch die offenen und verdeckten manipulativen Strategien der Ausbeutung, des Benutzens, der Geheimhaltung und der Schuldabwehr für eigene Interessen.

Die dazu gehörenden Gefühle wurden ausgeblendet und stehen dann auch den Erwachsenen nicht zur Verfügung. Der für uns unvorstellbare Mangel an Empathie seitens der Täter und Mittäter für das Opfer, seine Gefühle, seine Not und seine Bedürfnisse ist häufig dieser frühen Ausblendung und Abspaltung geschuldet. Erlebter Missbrauch kann quasi blind machen für die eigene und die Not anderer, z.B. bei den eigenen Kindern. Er kann aber auch zu Überreaktionen und Agieren führen, wenn die Opfer in ihrem Umfeld erneut Missbrauch wahrnehmen.

Auch wenn die Reaktionen von weiblichen und männlichen Opfern unterschiedlich sind, versuchen doch beide, mit eigenen Freundschaften, Partnerschaften und Familiengründungen das erfahrene Leid zu kompensieren.

Partnerwahl:

Die lebensgeschichtlichen Erfahrungen beider Eltern bestimmten ihre Partnerwahl, die ausgerichtet ist auf eine Kompensation ihrer kindlichen Erfahrungen.

Häufig wird nicht der Partner, sondern die „gute Mutter“ oder ein „guter Vater“ gesucht, der alles das geben soll, was sie in ihrer Kindheit vermisst haben.

Die kindlichen Erwartungen an den jeweiligen Partner können von massiven Enttäuschungen, in gegenseitige Aggressionen oder auch zum Rückzug von der Partnerschaft führen.

„Ich erwartete eine Frau zu heiraten, die mich schützt wie eine Mutter und gehorcht wie eine Tochter. Frau und Kinder gehören zu dem Mann, sie haben für sein Wohlergehen zu sorgen.“

Da die von den Tätern selbst nach den familiären Vorbildern ausgewählten Partnerinnen den Wünschen und Forderungen häufig nicht entsprechen können, sehen sich diese missbrauchenden Männer als Opfer ihrer Frau. In ihrer Vaterrolle geben sich diese Männer gegenüber ihren Töchtern als hilfloses Wesen, denen die Töchter mit Rat und Tat zur Seite stehen müssen.

„Meine Frau hörte nicht auf, zu verlangen, dass ich mich mehr um die Kinder kümmern soll, während sie ständig kochte und putzte und keine Zeit für uns hatte. So kam ich in Gefahr, meine Tochter zu belästigen.“

Oder eine andere Erklärung:
„Meine Frau hatte ständig etwas an mir auszusetzen. Aber meine Tochter guckte zu mir auf. Sie machte, dass ich mich wie ein Mann fühlte, so bin ich zu ihr für alles gegangen.“

Die von Tätern aufgestellten Behauptungen und bewussten Irreführungen können vielfältig sein, sie verfolgen in jedem Fall ein doppeltes Ziel, die Verantwortung für Gewalt und sexuellen Missbrauch auf Mutter und Kinder abzuschieben und sie darüber zum Schweigen zu bringen.

„Meine Frau brachte mich dazu, es zu tun. Es ist alles ihre Schuld“.

Die Wahrheit ist, dass keine Frau und kein Kind einen Mann zwingen kann, wenn er dies nicht selber will. Ein Täter schimpfte einmal: „Niemand kann mir sagen, was ich zu tun habe, es sei denn, ich will es tun.“ Womit er tatsächlich Recht hat.
Wenn Täter ihre ausgeklügelten Pläne beschreiben, die sie gemacht haben, um ihre Taten geheim zu halten, dann geben sie Beweise dafür, wer für die Tat verantwortlich ist.

Familien produzieren Risikofaktoren, die verändert werden müssen. Familien missbrauchen die Kinder nicht sexuell – Männer, Frauen und Jugendliche und Kinder tun dies, in und außerhalb von Familien.

Täterstrategien bei sexuellem Missbrauch:

Ohne eine Motivation, „Sex mit Kindern“ haben zu wollen, gibt es keinen sexuellen Missbrauch von Kindern.

Es sind zunächst „scheinbar zufällige“ erotische und sexuelle Gedanken, die dem Täter in den Kopf kommen.
Gedanken, die alle haben können. Der Unterschied zu Menschen, die Kinder sexuell missbrauchen, ist die Suche nach dem Weg, seine Phantasien auszuleben. „Sex mit Kindern“ ist in unserer Gesellschaft nicht erlaubt und unter Strafe gestellt. Wir alle spüren eine innere Abwehr, uns erwachsenen Sex mit kleinen Kindern vorzustellen.
Also bedarf es zunächst neben der Eigenmotivation der Täter einer bewussten Überwindung von inneren Hemmungen und Schranken, um sexuellen Missbrauch in die Tat umzusetzen.

Wenn diese inneren Hürden erst einmal genommen sind, kann es sein, dass dieser Mensch immer häufiger Fantasien produziert und diese sich in ihrem Inhalt und in ihrer Stärke steigern.

Die Täter wissen, dass sie Verbotenes tun und treffen jedes Mal aufs Neue die Entscheidung, den Missbrauch nicht selbst zu beenden, sondern weiter zu machen.

Häufig entscheiden sich die Täter für den scheinbaren Vorteil, den ihnen der sexuelle Missbrauch bringt.

Es deutet vieles daraufhin, dass nicht, wie allgemein angenommen, die sexuellen Handlungen den Täter befriedigen, sondern vielmehr das Ausleben eines Machtgefühls, verbunden mit dem Gefühl totaler Kontrolle.
Was die Täter als Befriedigung angeben, ist das Entladen von destruktiver Energie: von Wut, Hass und Rache, für die sie das Kind stellvertretend benutzen.
WILLE und KRÖHN schreiben 1990 dazu:
„Das sexuelle Gewaltdelikt ist sexueller Ausdruck von Aggressionen und eben nicht aggressiver Ausdruck von Sexualität“.

Der sexuelle Missbrauch an Kindern ist kein zufälliges und zumeist kein einmaliges Ereignis. Er wird von den Tätern gezielt und manipulativ geplant und realisiert. Sein oft sanftes und verführendes Erscheinungsbild täuscht über die schädigende und oft gewalttätige Handlung hinweg.

Der sexuelle Missbrauch geschieht nicht einfach, er basiert auf einer Reihe von sorgfältig geplanten Handlungen und auf bestimmten Gefühlen und Gedanken, so beschreibt R. Bullens, ein Tätertherapeut, 1995 den sogenannten „Grooming-Prozess“.
Eine Erfahrung, die wir teilen können, wobei der Täter jedoch erst bei fortgeschrittener Therapie tatsächlich zu diesen Stellung nimmt. Diese Täter berichten, wie sie den Missbrauch Schritt für Schritt willentlich geplant und ausgeführt haben.

Noch immer hört man, dass sich das Kind möglicherweise selbst verführerisch verhalten hat und dass es deshalb vom Täter ausgewählt wurde. Dies können wir aus unserer Praxis nicht bestätigen. Welches Kind er auswählt, entscheidet allein er.

Die Möglichkeit, als ausgewähltes Kind zum Opfer zu werden, hängt dann von der Zugänglichkeit und Bedürftigkeit des Kindes ab. Es kann sein, dass Täter über längere Zeit die ausgewählten Kinder beobachten und überlegen, wie sie auf geschickte Weise Kontakt zu ihnen aufnehmen.
Wenn sich Täter und Kind nicht in einer gemeinsamen Familie befinden oder bereits auf andere Weise Kontakt haben, versuchen die Täter, sich auf kreativste und manipulativste Art den Zugang zum Kind zu verschaffen. Das tun sie, indem sie das normalerweise schützende Umfeld des Kindes für sich einnehmen.

Wir kennen Täter, die sich als Freund und Partner über die Mutter den Zugang in die Familie verschaffen und sich als Unterstützer in der Kindererziehung anbieten.

Andere suchen den Weg über „neue Zufallsbekanntschaften“ mit den Familien, um sich das Vertrauen von Mutter und Vater zu erschleichen.

Zunehmend gibt es aber auch Täter, die über Freunde und Peer-groups der Kinder Kontakt aufnehmen, um dann als großer Kumpel, Gönner und Beschützer aufzutreten.

Bei Bedarf scheuen sie sich nicht, selbst mit der Familie des Kindes Bekanntschaft zu suchen. Frei nach dem Motto: „Angriff ist die beste Verteidigung“ versuchen sie, die Eltern für ihre Hilfeleistung für das Kind zu begeistern, damit diese keinen Verdacht schöpfen. Was noch dreister ist: sie motivieren die Eltern, für ihre Kinder den Kontakt selbst herzustellen.
Sie bieten dafür Dienste an wie Nachhilfe, Beaufsichtigung, Fahrdienste etc.

Täter suchen in der Regel Kinder mit Problemen und Defiziten aus und bieten ihnen Beachtung und Befriedigung ihrer Bedürfnisse.

Sie verführen die Kinder z.B. mit kleineren und größeren Geschenken und bringen sie auf diese Weise dazu, ihnen zu vertrauen und freiwillig den Weg zu ihnen zu finden. In jedem Fall sorgen die Täter für eine besondere Beachtung, die das Kind bindet und zunehmend sich am Täter orientieren lässt.

Als geschickter Manipulator weiß der Täter die Konflikte mit Mutter und Vater so auszunutzen, dass sich das Kind in seiner Kritik bestätigt fühlt. Dies führt dazu, dass es sich selbst systematisch von seinen Bezugspersonen distanziert und zunehmend nur noch den Täter als Orientierungsperson wahrnimmt. Die in der Folgezeit auftretenden Konflikte, die von den Müttern mit:„Ich kann mein Kind nicht mehr erreichen“ umschrieben werden, gehören zu den absichtsvollen Strategien der Täter.

Die Kinder machen Probleme in der Schule und anderswo und der einzige, der sie angeblich positiv beeinflussen kann, scheint nun der Täter zu sein, der sein wahres Gesicht bzw. seine negative Seite gegenüber der Mutter nicht zeigt.

Die Hilflosigkeit der Mutter, wenn das Kind außer Kontrolle geraten ist, sichert ihm die Nähe zum Kind. Sanktionen und Strafen von ihrer Seite wegen auffälligem Verhalten treiben ihr Kind geradezu ungewollt in die Arme des Täters. Nun ist es voll unter seinen Einfluss geraten. Es bemüht sich ihm weiter zu vertrauen, auch wenn Übergriffe es verwirren.

Es schweigt, wenn es sexuellen Missbrauch erlebt, weil es Angst hat und nicht alleine sein will. Damit das Geheimnis gewahrt wird, können vielfältige Bedrohungen, Beschämungen und Gewalt folgen. Das Kind hat das Gefühl, selbst für den Missbrauch verantwortlich zu sein. Es glaubt, dass es selbst die Nähe zum Täter hergestellt hat.

Die Täter sehen sich auf der sicheren Seite – haben sie doch im Rahmen ihres raffinierten Plans selbst dafür gesorgt, dass niemand dem Kind mehr glauben kann, weil es schon bei einfachen Verfehlungen gelogen hat.

Hilfe:

Wir alle wissen, welche Mühe wir haben, die Kinder in ihrer Not tatsächlich zu erreichen und sie zum Reden zu bringen – was den Tätern offenbar spielend gelingt.

Es wird also Zeit, dass wir die Verursacher von sexuellem Missbrauch aus allen Blickrichtungen wahrnehmen.
Damit wir ihren manipulativen Plan frühzeitig durchkreuzen können, brauchen wir nicht nur das Kind, sondern die zuständigen Bezugspersonen aus seinem Umfeld, um den Täter und seine gezielten Verstrickungen aufzudecken und das Kind vor weiterem Missbrauch zu schützen.

Um dem betroffenen Kind zu helfen, müssen wir seine bedürftigen Eltern in ihrer Not und in ihrem Mangel annehmen und ernstnehmen, was häufig erst gelingt, wenn wir ihre Mangel- und Gewalterfahrungen aus ihren Herkunftsfamilien würdigen und ihnen einen Raum zur Bearbeitung geben. Eltern, die in der Lage sind, ihre eigene Not von der ihrer Kinder zu trennen, können ihre elterlichen Aufgaben erfolgreich übernehmen.